Chi

Immer wieder wird über das Chi im Wing Chun oder anderen Selbstverteidigungs-Systemen gesprochen. Was ist Chi und was hat Chi mit einer Kampfkunst wie Wing Chun zu tun? Brauch man kontrolle über sein Chi um besser Kämpfen zu können und kann man Chi durch training bekommen?

Sucht man unter Google nach dem Begriff Chi findet man u.a folgende erklärung:


"Unter Chi versteht man in der fernöstlichen Medizin eine den gesamten Organismus durchdringende Lebensenergie " weiter heisst es "... da Chi das gesamte Universum durchsetzt" und "...Dieser Impuls, dieser 'Hauch des Lebens', dieser Lebensantrieb ist Chi". Interessanterweise heisst es weiter im Text " In Indien heißt Lebensenergie 'Prana', in Frankreich existierten im 18./19. Jahrhundert sogenannte Vitalisten, die sich mit dem unsichtbaren ' élan vitale' beschäftigten".

Ist es wirklich so einfach? Ist Chi ein anderes Wort für Impuls oder Energie? Von welcher Energie wird genau gesporchen? In der Physik unterscheidet man mehrer Arten von Energie. Da sind einmal die Wärmeenergie (Joul) oder Kalorie (4,1868 Joul).
Es gibt die Potentielle und die Kinetische Energie. Und dann z.B. das schöne E=mc^2.

Falls somit der Begriff Chi nur ein anderes Wort für eine uns schon bekannte Energieform ist, ist er überflüssig. Wenn jemand sagt "übe die Kontrolle über dein Chi", kann er genausogut sagen "übe die Kontrolle über deine Bewegungsenergie, "Potentielle Energie" , was auch immer.

Falls der Begriff Chi hingegen eine neue Art von Energie postuliert, ist es Aufgabe der "Chi-Anhänger", das Vorhandensein dieser Energie zu Beweisen. Wissenschaftlern sind viele Arten von Energien bekannt und es ist möglich dass neue Arten hinzukommen. Es ist mir jedoch nicht bekannt, das eine Art Lebendenergie oder dergleichen entdeckt worden ist.

Chi und Biophotonen 

Es ist zwar korrekt, dass es einen Ansatz von Wilhelm Reich gibt, der den Begriff Orgon-Energie geprägt hat und das die Biophotonen von Fritz-Albert Popp inzwischen Wissenschaftlich nachgewissen wurden, aber beide Arten der Energie sind nicht kontrollierbar, zumindest wurde dafür kein Beweis erbracht. Popp sagt über seine Entdeckung: "..Und hier ist das Lichtfeld von enormer fundamentaler Bedeutung. Das Lichtfeld ist der eigentliche Steuerorganismus für das molekulare Feld. Die Moleküle sind dumm, die machen nur, was ihnen letztlich von diesem Lichtfeld diktiert wird."

Glauben die "Chi-Anhänger" hingegen an eine Art Geist in der Maschine? Eine Lebensenergie die den Menschen oder andere Lebenswesen zu dem macht was sie sind nämlich lebendig. Diese Idee bezeichnet man als Vitalismus.

Die Vertreter des Vitalismus werden als Vitalisten bezeichnet. Die Vitalisten wenden sich gegen die  Auffassung, dass die Lebenserscheinungen alleine durch chemisch-physikalische Wirkungsmechanismen erklärbar sind. Sie postulieren eine Lebenskraft (vis vitalis), die (zusätzlich) auf biologische Entwicklungsprozesse Einfluss nimmt. Dieses Lebenskraft sei nicht kausal-analytisch , sondern nur intuitiv-schauend zu erfassen. Die Gegenströmung wird als Materialismus bezeichnet. Diese philosophische Strömungen geht davon aus, dass die gegenständliche und die geistige Wirklichkeit ausschließlich aus Materie bestehen oder auf materielle Prozesse zurückzuführen sind. Um den Unterschied einfacher deutlich zu machen: Der Vitalist sucht den Geist (vis vitalis) in der Maschine, der Materialist glaubt nur an die Maschine.

Es stellt sich nun die Frage: Besitzt die Maschine (um bei der Analogie zu bleiben) Mensch einen vis vitalis einen Geist, der sie Steuert und Lenkt oder ist der Mensch nur Maschine ohne Chi?

Neuere Forschungen und Philosophische Ansätze legen eine neues und ganzheitliches Bild von der Natur des Universums und des Menschen nahe. Von Fritjof Capra wurden die Begriffe Systemdenken und Systemtheorie prägte. In seinem ganzheitlichen Ansatz bestehen lebende Systeme wie der Mensch ein Elefant oder eine Maus aus Organisationsmuster. Lebende Systeme sind selbstorganisierende Systeme, d. h. sie bestimmen ihre Organisationsmuster, ihre Strukturen, ihre Funktionen selbst. Capra definierte den Begriff des Organisationsmuster als die Gesamtheit der Beziehungen, die das System als Ganzes definieren. 

Das Muster der Selbstorganisation besteht aus einer wechselseitigen Abhängigkeit aller Teile, die notwendig und ausreichend ist, um die Teile zu verstehen, wenn man die Sache untersucht, und die darüberhinaus dem System als Ganzem eine individuelle Identität verleiht. Es ist für Lebewesen wesentlich und charakteristisch, daß sie diese Individualität aufweisen. Für Capra ist es ein wesentlicher Teil der Systemtheorie, daß sie nicht durch die Sprache der Physik und der Chemie formuliert wird da es hier nämlich nicht um physikalische oder chemische Strukturen oder Prozesse, sondern um eine abstrakte Darstellung des Organisationmusters. Dies bedeutet somit , Physik und Chemie genügen nicht, um das Leben zu verstehen. Man braucht auch die anderen beiden Aspekte, das Muster der Selbstorganisation und dann den Prozeß.

Die Struktur selbstorganisierender Systeme wurde vom belgischen Physiker und Nobelpreisträger Prigogine in jahrelanger Arbeit und im genauen Detail untersucht. Er fand u.a zwei Merkmale: Erstens sind sie offene Systeme, d. h. sie erhalten ihre Struktur durch fortlaufenden Austausch von Energie und Materie mit der Umgebung, also durch den Stoffwechsel. Zweitens: diese lebenden Systeme operieren immer fern vom thermodynamischen Gleichgewicht. Bei diesen lebenden Systemen ist man also fern vom Gleichgewicht. Prigogine entwickelte eine eigene Thermodynamik offener Systeme, für die er auch den Nobelpreis erhielt.

Nach Capra ist der Organisationsprozeß lebender Systeme ein geistiger Prozess. Eigentlich ist es eine radikale Neudefinition des Geistesbegriffes, der über alle lebenden Systeme bis hinunter zur kleinsten Zelle ausgedehnt wird. Ursprünglich stammt er von Gregory Bateson. Der Geistesprozeß ist jetzt als Organisationsprozeß des Lebens definiert. D. h. überall, wo es Leben gibt, gibt es Selbstorganisation und der Prozeß dieser Selbstorganisation ist der Geistesprozeß.

Auf die Maschine übertragen bedeutet dies, das die Prozesse der Selbstorganisation sich als Geistesprozeß oder einfach als Geist manifestieren. Im Gegensatz zum Vitalist oder dem Materialist welche die Erscheinungsform des Geistes als, auf der einen Seite zusätzliches Hinzukommendes, auf der anderen Seite, nur auf seine Einzelteile, reduzierte, hat Capra eine ganzheitliche Sicht geprägt.

Chi und der Einfluß auf deine Kampfkunst 

Das Chi ist also nichts sonderbares, sondern nur ein anderes Wort für Geist, Geistesprozeß oder den Organisationsprozeß einen Lebenden Systems wie z.B. der Mensch. Manche versuchen dem Begriff etwas geheimnissumwittertes und nicht erklärbares anzuhängen. Flosken wie "Man kann es nicht erklären und in Worte fassen" , oder "man muss es fühlen wie es fliest" sind nichtsagend und verwirrend. solchen Leuten empfiehlt Wittgenstein:" Über was man nicht reden kann muss man schweigen".

Die Einführung des Begriffes Chi, hilft uns in dem Verständniss der Welt und der Zusammenhänge keinen Deut weiter. Es gibt kein wie auch immer geartetes Etwas (was einige Chi nennen, andere Seele u.s.w.), welches den Menschen im Grunde nach steuert und ihn kontrolliert. Zumindest ist dieses Etwas auf Grundlage des naturalistischen Wissenschaftlichen Ansatzes nicht nachgewiesen worden.

Wenn nun jemand behauten, man könne seine Verteidigungsfähigkeit dadurch verbessern, dass man sein Chi kontrollieren lernt, ist diesen zu sagen: Chi ist ein Abstraktum und kann man nicht kontrollieren. Autos und Radios kann man kontrollieren. Chi ist nichts was man durch besonderes Training verfeinern oder verstärken könnte.

Nicht abzustreiten ist, dass es Menschen gibt, die sich ihrer körperlichen Empfindungen mehr bewusst sind als andere. Durch viel Training ohne und vor allem mit Trainingspartner ist es Absicht, das Gefühl und die Wahrnehmung für den eigenen Körper und den Körper des Partners zu verbessern. Es ist aber nichts geheimes sondern eine Binsenweissheit, dass der , der alle Sinne geschärft im Kampf agiert, gute chancen hat, diesen für sich zu entscheiden.

Die Antworten auf die Eingangs aufgeworfenen Fragen sind somit:

Was ist Chi: Ein Begriff der der genauen Definition bedarf, um wissenschaftliche Aussagen darüber zu machen. Ansonsten ein anderes Wort für Energie. Für einige hingegen ist Chi der Geist, der die Maschine zum laufen bringt.

Was hat Chi mit einer Kampfkunst zu tun: Für die, die Chi synonym für Energie benutzen, bedeutet es die Potentielle und Kinetische Energie besser zu kontrollieren. Die die glauben es gäbe ausser den gefundenen Energien noch andere können mir gerne einen Beweis per Mail zusenden.

Brauch man Chi um besser Kämpfen zu können: Es gibt viele Dinge die einen guten Kämpfer ausmachen. Die Kontrolle der Potentiellen und Kinetischen Energie gehören dazu.

Wie kann ich Chi durch training erlangen? Garnicht.

Chi in China 

In China , wo der Begriff ja auch herkommt hat Chi viele bedeutungen und so ist es schwer im nur eine zuzuteilen. So esoterisch wie ihn hier manch einer Betrachtet wird er dort aber nicht verwendet.

Erste geschichtliche Erwähnungen sind "qi der wolke" , dampf und feuer.
Heute beinhaltet das Chi-Zeichen die Symbole für "dampf" und "getreide" und könnte mit "als geschenk proviant darbringen" übersetzt werden.

Chi wird oft in Verbindung mit flüchtigen Stoffen wie Luft oder Dampf gebraucht. In Verbindung mit Luft bed. es Atemluft.

Im chinesischen Wörterbuch steht u.a: Gas, Atem, Moral, Wut, Vitalität. Chi wird dann im Zusammenhang mit dem Temperament des Menschen gesehen oder als Maß für die moralische Qualität.

qi-zhi=Edelmus
qi-lian=Toleranz.

Ist ein Mensch tapfer, steigt das Chi zum Himmel: qi chong xiao-han. "bringt man qi hervor" ist man ärgerlich oder wütend: qi chong niu-dou

Alles nix esoterisches!